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Stille Nacht in der Herberge - Bei sufischen Muslimen in der Eifel - aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung FAZ (von Michael Hanfeld) |
KALL, im Dezember 2004. Von außen wirkt die "Osmanische Herberge" wie ein Vereinslokal, das seine besten Tage lange hinter sich hat. Erst hinter der Tür und nur an einem Abend wie diesem offenbart sich, daß der äußere Schein trügt. Die Herberge ist besetzt bis auf den letzten Platz, Kinder lärmen auf dem Gang, Händler legen im großen Saal, der zugleich Gebetsraum ist, ihre Waren aus, Familien suchen sich eine Schlafstatt für die Nacht und richten sich in den wenigen Zimmern ein. Die meisten tragen einfache Gewänder aus Wolle, die Männer dazu einen Kopfschmuck, einen Turban, der um einen kleinen Spitzhut gelegt wird. Einem Weißbärtigen, der bescheiden auftritt, bezeugen die Besucher Ehrerbietung. Sie sind von weither angereist, kommen aus ganz Deutschland, aus Holland, Belgien, Paris, um ihn zu sehen, um seine Hand zu ergreifen und einmal im Monat mit ihm zu beten und zu meditieren. Scheich Hassan Peter Dyck nimmt die Bekundungen mit gütiger Miene entgegen, hört zu und gibt Rat in allen Lebenslagen. Am Ende dieser bis weit in die Nacht reichenden Versammlung wird seine Stimme beinahe nicht mehr zu hören sein. Das hat weniger mit den vielen Gesprächen denn mit seinen angegriffenen Stimmbändern und vielleicht auch damit zu tun, daß die Heizung nicht wirklich funktioniert. Die äußere Zurückgezogenheit paßt zu dieser Gemeinde, die dem sufischen Islam folgt, bei dem die innere Beziehung zu Gott im Zentrum des Glaubens steht. Wer ein guter Muslim sein will, der muß bei sich selbst anfangen, so lautet hier die Botschaft, oder, wie Scheich Hassan zitiert: "Ein guter Muslim ist jemand, vor dessen Hand oder Mund sich niemand zu fürchten braucht." Also geht es zunächst um Selbsterkenntnis, Askese, Meditation und Hingabe, wie sie auch aus christlichen Orden bekannt sind. Oder, wie es in einer Darstellung der Nakschbandi heißt: "Sufismus ist der uralte und zeitlose innere Weg des Islam, der Weg des Herzens, der Weg der Hingabe und der Liebe zum Schöpfer und zu all seinen Geschöpfen." Was vielleicht auch schon erklärt, warum diese Glaubensrichtung vor allem junge Menschen als potentielle Konvertiten anspricht. Der Begriff Sufi selbst leitet sich her vom arabischen "suf" (Wolle). Die Sufis sind die "Wollbekleideten". Dabei fiel nicht nur ein Prediger in Berlin auf, der die Deutschen als stinkend, unrasiert und zu nichts nutze bezeichnete, sondern vor allem die mit saudischem Geld betriebene Fahd-Akademie in Bonn, auf deren Lehrplan nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden ebenjener aggressive Islam steht, den man als Außenstehender für den vornehmlich oder gar einzig existenten halten könnte. Ein, wie Scheich Hassan erklärt, psychisch gestörtes Mitglied der Gemeinde hatte schauerliche Dinge erzählt, die sich zwar polizeilich nicht belegen, in der Boulevardpresse aber schnell zum Verdacht hochschreiben ließen. Doch diese Episode hat Scheich Hassan inzwischen abgehakt. "Die Muslime sind für den Ruf des Islam selbst verantwortlich", sagt er, verhehlt aber nicht, daß das neue Mißtrauen auch ihn und seine Gemeinde belaste. Nach all den Jahren finde er sich jetzt an dem Punkt, die Gesellschaft zu fragen: "Wollt ihr, daß wir hier sind, oder nicht?" In seiner Predigt, die er in Deutsch und Englisch hält, nimmt er sich einen Meinungsartikel des evangelischen Bischofs Wolfgang Huber vor, in dem dieser in Zweifel ziehe, daß Muslime und Christen an denselben Gott glaubten. Was aber, fragt Scheich Hassan die Gläubigen, folge aus einem monotheistischen Glauben, wie er Christen, Juden und Muslimen gemeinsam sei? Wo solle ein zweiter, anderer Gott herkommen? So finden sie sich zwischen den Stühlen, meinen, daß die katholische Kirche mit ihrem Führungsanspruch nicht von Toleranz sprechen könne, und sehen sich von den tonangebenden Wahhabiten, wenn es gutgeht, höflich ausgegrenzt oder regelrecht verfolgt, wenn sie nach Mekka pilgern. In der Predigt wird das zur Losung, in die sich die Gläubigen, begleitet von Flöte und Trommel, hineinsteigern. Laut und leise, hart und weich erklingen die Stimmen und üben einen Sog aus, der den Gläubigen eine innere Beziehung zu Allah eröffnet. Das ist der Weg des Islam, den die Sufis meinen, das hat Scheich Hassan auch einem jungen Afghanen an unserem Tisch erklärt, der wissen wollte, was denn durch den "Dschihad" an berechtigter Gewalt erlaubt sei. Nichts von dem, was im Augenblick geschieht, erklärt ihm der Scheich, nach dessen Worten sich jemand wie Usama Bin Ladin bei seinen Taten auf Religion nicht berufen kann. Wie soll es mit dem Islam vereinbar sein, Tausende Menschen zu töten, indem man Flugzeuge in Hochhäuser steuert? Oder, wie in Beslan, unschuldige Kinder verdursten oder verhungern zu lassen und in die Luft zu sprengen? Die Abschaffung des Kalifats habe es nämlich erst ermöglicht, daß heute radikale Schulen ihre Lehre als die allein seligmachende Botschaft Allahs ausgeben und in der ganzen Welt Anhänger für eine als Religions- und Kulturkrieg angelegte Auseinandersetzung anwerben können. Der Islam, den die Sufis leben, hat damit nichts zu tun: "Frieden finden durch Gottergebenheit", rät Scheich Hassan den jungen Leuten, die ihn mit Fragen bestürmen. "Wir begrenzen das Ego, das ist Islam. Ich bin gekommen, den Charakter der Menschen zu vervollkommnen, das sagt der Prophet. Alhamdulillah." Jeden Tag zwei Lektionen habe es gegeben. Und hätte seine Frau nicht entschieden, eine Verwandte in Deutschland zu pflegen, wäre Scheich Hassan vielleicht noch heute in Syrien oder auf Zypern. So kehrte er zurück. Eine Heimat jedoch findet der Sufi hier nicht, sondern nur da, wo er erwünscht ist. Ein Klingelbeutel geht herum. Auf die Nützlichkeit von Überweisungsformularen wird hingewiesen. Die Abfolge erinnert an christliche Gottesdienste - so wie Scheich Hassan als die Verkörperung von "Nathan dem Weisen" erscheinen mag. Mit Hoffnung erfüllt den Sufi-Lehrer, daß im Kleinen - zwischen den Gemeinden und an den Schulen - der Dialog funktioniert. Die Bedeutung des Dialogs sieht er übrigens ähnlich wie der evangelische Bischof Huber. So hat Scheich Hassan mit protestantischen und katholischen Geistlichen einen gemeinsamen Gottesdienst gefeiert und Kinder einer Grundschule in der "Osmanischen Herberge" zu Gast gehabt, die sich über die Weltreligionen informierten.
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